Sie übersehen den Esel

Gedanken zum Palmsonntag
von Bruder Charls John

 

Die Prozession, die Palmen: Ich bin mitten drin in meiner Kindheit. Der kleine Charls steht da in der Kirche. Bei uns in Indien geht man dann zum Priester. Jeder bekommt ein Palmblatt in die Hand. Für mich war das ganz wichtig. Meine kleine Faust umschloss das Blatt. Ich hielt es während der ganzen Prozession.

Hosanna. Hosanna. … Meine Eltern erklärten mir: Das bedeutet: Rette uns, Gott. Rette uns, Gott.

So habe die Menschen damals gerufen. Als Jesus auf einem Esel in die Stadt ritt. Rette uns, Gott. Rette uns. Ja, so haben mir meine Eltern erklärt: Gott rettet uns. Und Jesus: Gott ist in ihm. Jesus ist der einzige Retter. Das sich mir eingeprägt. Das Palmblatt, das ich in der Kirche bekommen hatte, habe ich mit nach Hause genommen. Ich hielt es in Ehren. Ja, Gott rettet uns. Ja, Jesus rettet mich.

Und das Vertrauen in Jesus wuchs allmählich in mir. Und heute – hier: Jetzt feiere ich meinen ersten Palmsonntag und Ostern hier in Deutschland. Während ich an der Zeremonie teilnehme, denke ich an meine Kindheitserfahrung mit Palmsonntag in meiner Heimat. Ich denke, es ist derselbe Ruf, denn wir heute gerufen haben Hosanna, derselbe Ruf wie vor 2000 Jahren Und der derselbe Ruf, wie bei mir zuhause …

Ich lade Sie ein: Nehmen Sie doch für einen Moment den Palmzweig vom Palmsonntag noch einmal in die Hand. Er steht für den Ruf: Gott rettet. Hosianna. Und wir denken daran, wie die Juden sich die Rettung vorgestellt haben: Ein starker Erlöser. Einer, der sie aus den Klauen der Sklaverei der Römer befreit. Sie waren stark in dieser Erwartung. Eine Erwartung, die ich auch kenne. Groß soll Gott kommen. Stark. Meine Probleme beseitigen. Die Zustände in der Familie, in der Stadt, am Arbeitsplatz – das soll er sofort verändern. Der Palmzweig in meiner Hand: Ein Siegeszeichen des Stärkeren. Hosianna. Gott ist stark. Ich bin stark. Habt alle Angst vor Gott. Und habt alle Angst vor mir. Merkwürdig nah sind mir die jubelnden Menschen am Straßenrand von Jerusalem.

Und dann: Dann bemerke ich mit meinem Palmzweig heute ein besonderes Detail: Es wirkt komisch. Lächerlich. Mit meiner Faust um den Palmzweig spüre ich Stärke: Und was sehe ich beim Rufen von Hosianna: Jesus auf einem Esel! Auf einem dummen Esel. (Pardon, liebe Esel, ich weiß: Das ist ein dummes Gerede über euch). Trotzdem: Ein lächerlicher Retter. Doch genau so zieht Jesus in Jerusalem ein. Ich juble. Fühle mich stark. Weil da ein Starker kommt, angeblich. Und er, er reitet vorbei. Schaut mich nicht an. Geht seinen Weg. Ja, er lässt mich stehen. Meine kleine Faust um das Blatt, das der Priester mir gab: Wie groß fühlte ich mich. Wie wichtig. Und hier: Der Palmzweig: Siegeszeichen. Stark sein. Gott rettet. Mir will das nicht aus dem Sinn. Die Menschen übersehen den Esel. Sie übersehen, was Jesus wählt. Sie übersehen, was er ihnen zeigt: Ich widerspreche deinen Erwartungen an Gott. Geh mit mir meinen Weg. Und lasse deine Erwartungen an mich zu Hause. Jesus wählt einen Esel aus, weil der Esel für Armut und für Demut steht. Der Esel ist das Lasttier der kleinen Leute. Die Großen sitzen auf einem hohen Ross; Jesus reitet auf einem Esel. Und wird in den Augen der Welt zum Esel: So soll Gott sein? Auf der Seite der ungerecht Verurteilten? Im Grab, in das alle Menschen müssen?

Schauen Sie auf Ihren Palmzweig: Er will Sie erinnern: Gott rettet. Und er rettet anders als Sie denken.

 

Termine zum Mitleben

  • 20.10.2018 - 27.10.2018
    Wander-Woche

    Geführte Halbtageswanderungen in der reizvollen Umgebung von Stühlingen (Südschwarzwald/ Hegau).

  • 24.11.2018 - 1.12.2018
    Woche zum Mitleben

    Eine Woche zum Mitleben, Mitbeten und Mitarbeiten im Kloster Stühlingen.

  • 1.12.2018 - 8.12.2018
    Stille Woche

    Diese Woche ist davon geprägt, dass Stille und Schweigen einen größeren Platz einnehmen als im normalen Alltag in Stühlingen. Wir schwiegen von Montag bis Freitag. Täglich gibt es einen geistlichen Impuls.

Musik im Kloster

Keine kommenden Termine vorhanden.

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